8 Mai

2024                     „Gentechnik/NGT – Risiken, Chancen, EU-Neuregelungen“

                              Vortrag, Hofrundgang mit Gewächshausbesichtigung, NPZ-Einladung über Dr. Martin Frauen,

                              Pflanzenzüchter und Gesellschafter der NPZ

38 Kieler LandFrauen und zwei „LandMänner“ können an diesem Mittwochnachmittag den sonnigsten Tag der Mai-Himmelfahrtswoche genießen! In Fahrgemeinschaften reisen wir aus verschiedenen Richtungen an – im Autogeplauder werden neben dem freundschaftlichen Austausch die so positiv stimmenden Naturfarben der hellgrün ausschlagenden Bäume, bunten Wiesenblumen, gelben Rapsfelder thematisiert. Nach dem Eintreffen auf dem wunderschön angelegten und gepflegten Gutsgelände von Hohenlieth begrüßt uns unser heutiger NPZ-Gastgeber und Referent Herr Dr. Martin Frauen. Er war von 1982 bis 2019 Saatzuchtleiter der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG (NPZ) in Hohenlieth, deren Gesellschafter er seit 1990 ist. Unter seiner Leitung entwickelte die NPZ zukunftsweisende Konzepte für die Züchtung von Ölraps, die maßgeblich zum großen Erfolg von Raps als Quelle hochwertiger Ernteprodukte beigetragen haben.

 

Er war Mitglied vieler Gremien der Pflanzenzüchtung, erhielt 2012 von der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der CAU die Thünen-Medaille in Gold, und wurde anlässlich des Internationalen Rapskongresses in Sydney im September 2023 mit dem Eminent Scientist Award für sein Lebenswerk in der Züchtungsforschung bei Raps geehrt. Die Genomforschung führte Dr. Frauen stets direkt in die züchterische Praxis. Auf diese Weise machte er die Landwirtschaft ergiebiger und schonte Ressourcen. So züchtet die NPZ seit 1995 zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit und der Robustheit von Winterraps Sorten, die auf einem eigens entwickelten Hybridsystem basieren.

 

Zur heutigen Themen-Einführung berichtet Dr. Frauen über die Historie, Arbeit und Ziele des privaten, mittelständischen Pflanzenzuchtunternehmens hier in Hohenlieth als Hauptsitz, der einen zweiten Standort auf der Insel Poel in Mecklenburg-Vorpommern und viele weitere weltweite Niederlassungen hat.

 

In zwei Gruppen werden wir im Wechsel durch den Laborbereich, dann entlang des Gewächshauses geführt: Von der Mikrosporenkultur bei Raps (von isolierter Mikrospore, ersten Teilungen, Embryoiden in der Petrischale bis zur haploiden Pflanze im Glas nach 8 bis 9 Wochen), danach mit Blick ins Gewächshaus, bis zu Raps-Züchtungsergebnissen in verschiedenen Stadien hören wir die gut verständlichen Erläuterungen von Dr. Frauen bzw. Ausbildungsleiterin Frau Zuba. Der Zeitraum von Züchtung bis zur Sortenzulassung kann 10 bis 12 Jahre betragen. Man spricht vom „Wettrüsten“ zwischen Erregern/Pflanzenschädlingen und Züchtung! Auch viele, hier mögliche Ausbildungsbereiche werden angesprochen, z.B. der des ATA, Agrarwirtschaftlich-technischen Assistenten (m, w, d) – Freude am Umgang mit Pflanzen und moderner Technik ist Voraussetzung.

 

Nach diesem ersten Informationsteil werden wir zu köstlichem Kaffee-Tee-Kuchen in den „Alten Speicher“ auf dem Gutsgelände eingeladen! Dieses Einladungsgeschenk wird noch für jeden mit – unter anderem mit einer Flasche Rapsöl – gefüllter Baumwolltasche ergänzt. Währenddessen werden schon Fachfragen wie „Was macht den Unterschied zwischen Sommer- und Winterraps aus?“ geklärt. Gelbe Servietten, gelbe Rapszweige in den Blumenvasen – in diesem liebevoll gestalteten Veranstaltungsraum gilt anschließend unsere Aufmerksamkeit dem Vortrag von Dr. Frauen mit vertiefenden Informationen zum NPZ-Unternehmen: Mitarbeiter, Gesellschafter, Entwicklung (erste Züchtungsaktivitäten von Hans Lembke 1897!), Kulturarten, Aufgaben bei Züchtung – Saatgutproduktion – Saatgutaufbereitung – Qualitätsprüfungen – Vertrieb, NPZ-Partner, -Auslandsaktivitäten, Meilensteine der Rapszüchtung wie z.B. 1973 des ersten „0-Rapses“, eine erucasäurefreie Winterrapssorte, dann all die Nutzungsrichtungen und Zuchtziele von Raps und seinen Produkten.

Der lange Weg von der Grundlagenforschung bis zur endgültigen Saatgutproduktion wird uns aufgezeigt. In der Pflanzenzüchtung ist für die Entstehung der genetischen Diversität/Vielfalt folgendes wichtig: die Mutation/spontan entstehende, - oder aber künstlich herbeigeführte -, dauerhafte genetische Veränderung des Erbguts (DNA) einer Zelle, dann Neukombination und Selektion/Auslese! Dazu veröffentlichte 1866 Gregor Mendel als Erster die Vererbungsregeln, die Mendelschen Gesetze. Wenn Genveränderungen durch Chemikalien oder Strahlung provoziert werden, erhöht sich die Mutationsrate um mehr als das 1000fache, mit potentiell vielen schädlichen Genveränderungen! (Man denke an den Tschernobyl-AKW-Unfall 1986!), aber manchmal auch positiven Mutanten (z.B. Resistenzeneigenschaften), welche mühsam zu selektieren sind.

 

Die Begriffsbestimmung der neuen Züchtungsmethoden (NBT, NGT, GE, CRISPR Cas, Talen) verlangt nun unsere höchste Konzentration J ! Am bekanntesten und wichtigsten ist die Genom-Editierung.

 

Bisher haben Gen-Technologen meist Erbgut aus artfremden Organismen eingeschleust. Dieses möglicherweise risikobehaftete Vorgehen kann heute vermieden werden: es ist gelungen, das Genom von z.B. Mais, Raps, Kartoffel, Kürbis, oder Apfel direkt zu verändern. Ein Konstrukt mit gewünschten Erbinformationen und einem Genscheren-Enzym wird z.B. beim CRISPR Cas 9-Verfahren hergestellt. Einzelne Basenpaare, - die Buchstaben im genetischen Code -, können punktgenau ausgeschnitten, eingebaut oder umprogrammiert werden. Die DNA lässt sich sozusagen umschreiben, man spricht deshalb von Gen-Editierung. Dies ist präzise und meist nicht mehr nachweisbar und macht sie vergleichbar mit natürlichen Mutationsereignissen, sagen Forscher. Das aktuelle europäische Gentechnik-Gesetz setzt der neuen Technologie aber strenge Grenzen. 2018 hat der Europäische Gerichtshof juristisch klargestellt: Alle künstlich induzierten Mutationen und somit auch die neue Gentechnik ist Gentechnik, NGT unterliegt den gleichen strengen Zulassungsregeln! Pflanzenzüchter und Befürworter der De-Regulierung sind überzeugt, NGT dürften keinen härteren Auflagen (Kennzeichnung, Risikoprüfungen) unterliegen als die klassische (ungerichtete) Mutagenese, wo Mutationen im eigenen Erbgut (so wie sie mit der Gen-Schere erzeugt wird) auch in der Natur vorkommen, was eben von den strengen Risikoprüfungen ausgenommen ist.

 

Da nun auch die EU-Kommission die NGT den natürlichen Mutationsereignissen gleichstellen will, soll das europäische Gentechnikgesetz geändert werden. Dem EU-Parlament liegt hierzu ein Vorschlag vor. Hier begegnen sich Befürworter und Gegner mit Diskussionen um Vorsorgeprinzip, Patentschutz, Haftungsrecht, Risikovermeidung – diese Informationen stoßen Nachdenken, Fragen, unsere Diskussion vor Ort an!

 

Nach so viel „Input“ lockt draußen die Sonne und Dr. Frauen führt uns über das Betriebsgelände zur Reinigungshalle, erläutert dortige Maschinen, es folgt der Gang in die „Schatzkammer“, die Lagerungshalle mit Tonnen von Saatgut, und zur Erheiterung aller stellen wir uns danach alle auf die Fuhrwerkswaage – hoppla, wir bringen in der Gruppe mehr als 2 Tonnen auf diese besondere Waage!

 

Nach dem Hofrundgang dankt Frau Taube im Namen aller sehr beeindruckten Anwesenden Dr. Frauen mit einem nicht-öligen, aber flüssigen Geschenk, und betont, wie segensreich Forschung gerade in einem mittelständischen Betrieb vor Ort für ausreichende und wertvolle Ernährung der Menschheit ist. Gleichwohl müsse in einer Demokratie, die von vielen verschiedenen Weltanschauungen der Menschen geprägt ist, immer darum gerungen werden, dass sich Verstand und Vernunft im Umgang mit wissenschaftlichem Fortschritt durchsetzen. „Möge die erfolgreiche Rapsforschung ein Vorbild sein!“